COVID-19 / Ein seltsames Symptom

Immer wieder und ganz am Rande wird von einem Symptom von COVID-19 infizierten SARS CoV2 Kranken berichtet, dem Verlust des Geruchs- und Geschmacksinnes. Die Betroffenen können plötzlich nicht schmecken und nicht riechen, können sonst aber durchaus keine bzw. unspezifische Symptome haben. Zum Verständnis dieser Symptome könnte eine Studie beitragen, die sich nicht mit dem Verlust des Riechens und Schmeckens auseinandersetzt, sondern mit der Verschlechterung der Sehkraft bei Diabetikern, deren ACE2 (Angiotensin-converting-enzyme 2) Molekül verloren geht. Der Verlust der Sehkraft ist gleich dem Verlust des Riechens und Schmeckens ein neurologisches Symptom, das verursacht wird, wenn bereits geschädigte Nerven nicht mehr Leiten können. Nerven müssen gleich jedem anderen Gewebe laufend über ein mikrovaskuläres Gefäßsystem mit Blut versorgt werden, da sie sonst absterben und daher ihre Funktion nicht mehr ausüben können.

Unsere Wahrnehmung, die Nerven, ihr mikrovaskuläres System und COVID-19

Das COVID-19 Retrovirus bindet hochspezifisch an das Gefäßendothelreparaturenzym ACE2 und gelangt so in seine Wirtszelle, wo es sich vermehrt und zu der potenziell tödlichen Erkrankung SARS CoV2 führt. Dies betrifft auch das mikrovaskuläre Gewebe, die feinsten Gefäßchen (Kappilaren), über die letztendlich der Sauerstoff- und Nahrungsaustausch des Gewebes stattfindet und deren Funktionsverlust zum Seh-, Riech- und Geschmacksverlust führen 1).

Der Hintergrund zu dieser Studie

Diabetiker und Hypertoniker können bei schwerem Krankheitsverlauf zunehmend Sehkraft verlieren, weil die für die Sehkraft so wesentlichen Nerven im Augenhintergrund absterben. Diesem Problem, so die Autoren, wirkt das ACE2 Molekül entgegen, es hält durch seine Vermittlung zwischen dem Knochenmark und den Kapillaren einen steten Reparaturmechanismus aufrecht, der den Diabetikern das Augenlicht erhält.

Der Augenhintergrund

Die Retinopathie ist eine augenärztlich diagnostizierbare Veränderung. Sie wird bei Diabetikern und Hypertonikern routinemäßig mittels Untersuchung des Augenhintergrundes durchgeführt. Am Augenhintergrund hat man einen akkuraten Blick auf den Zustand des mikrovaskulären Gewebes, das bei Diabetikern und Hypertonikern pathologisch verändert sein kann. Diese Veränderungen des Augenhintergrundes lassen auf den sonstigen Zustand des mikrovaskulären Gewebes im Körper schließen.

Selbstheilung durch Knochenmark-Stammzellen

Pluripotente Knochenmarkstammzellen mit der Eigenschaft CD34+ beginnen sich weit ab von der Stelle der Verletzung im Knochenmark zu vermehren und von dort an die Stelle der Verletzung auszuwandern, um diesen zu reparieren. Der Informationsaustausch zwischen den Endothelzellen der Kapillaren im Augenhintergrund und diesen Knochenmarkstammzellen geschieht durch eine Hormonkaskade des RAS-Systems (Renin-Angiotensin-Aldosteronsystem), die in zwei Richtungen gehen kann. Der für die Reparatur von Kapillaren entscheidende Weg geht über die Umwandlung von Angiotensin 1 in Angiotensin 1-7 durch das Molekül ACE2 (Angiotensin-converting-enzyme 2), und somit auch über die Hemmung seines Gegners, dem ACE (Angiotensin-converting-enzyme). Bei einem Mangel an ACE2 werden die CD34+ Knochenmarkstammzellen nicht mobilisiert, sie vermehren sich nicht, wandern nicht aus und reparieren den mikrovaskulären Gefäßschaden nicht. Zurück bleiben leere Basalmembrantubuli ohne Endothelzellen und kernlose Perizyten, das zeigt diese Studie. (Bei manchen Studien über die Auswirkungen von ACE2 Mangel werden ACE2 knock-out Mäuse verwendet. Das sind Mäuse, die genetisch dahingehend verändert wurden, dass sie kein ACE2 bilden können.)

Ein persönlicher Rückschluß

Gleich dem Sehvermögen ist auch unser Riech- und Geschmackvermögen von intakten Nerven abhängig die dafür ausreichend über das Gefäßsystem mit Blut versorgt werden müssen. COVID-19 bindet hochspezifisch an das ACE2 und vernichtet dieses Molekül. Somit könnte diese Studie einen Hinweis liefern, dass der plötzliche Verlust des Riechens und Schmeckens durch eine COVID-19 Infektion auf irreversible Schäden des mikrovaskulären Gefäßsystems der Riech- und Geschmacknerven zurückzuführen sein könnte, da COVID-19 zum Verlust von ACE2 führt.

Ein Symptom, das weiterhilft

Für einen gesunden Menschen ist dies umso bemerkenswerter, als die häufige Symptomlosigkeit der COVID-19 Infizierten zur unbemerkten Ausbreitung dieser Infektion beiträgt!

1) Die wissenschaftliche Arbeit ist kostenfrei im Internet über NCBI vollständig abrufbar: Yaqian Duan et. al Stem cells. 2018 September; 36(9): 1430-1440 Loss of angiotensin-converting-enzyme2 exacerbates diabetic retinophaty by promoting bone marrow dysfunction.

DDr. Christoph Glaser / Karl Roth